Im Spätsommer habe ich mich zweimal dabei ertappt, dass ich jemandem die Hand gegeben habe! Nachdem sich der erste Schreck (auf beiden Seiten!) gelegt hatte, habe ich noch lange darüber gestaunt, dass diese Geste nach anderthalb Jahren Pandemie überhaupt noch in meinen Reflexen steckte.

Jetzt passiert mir das mit dem Handgeben natürlich nicht mehr! Mein vegetatives Nervensystem ist wieder im Lockdown-Modus. Das heißt, ich weiche vor anderen Menschen automatisch einen Schritt zurück. Was heute eine freundliche respektvolle Geste ist, galt vor der Pandemie als unhöflich. Selbst wenn das Gegenüber meine persönliche Wohlfühlgrenze überschritten hatte, bin ich meistens nicht zurückgewichen. Der Gesprächspartner hätte sich ja abgelehnt fühlen können. Oder in Panik geraten aus Sorge um den eigenen Körpergeruch. Wie oft habe ich die Zähne zusammengebissen, um anderen Menschen diese unangenehmen Gefühle zu ersparen! Jetzt hingegen vermittelt der Schritt zurück die Botschaft: „Ich achte dich, ich will dich schützen!“ Jetzt kann es Ausdruck guten Benehmens sein, um den Nachbarn, den man auf der Straße trifft, einen großen Bogen zu machen.

Verhaltensnormen kehren sich ins Gegenteil

Bei einer zwischenmenschlichen Begegnung etwas im Gesicht zu haben, z. B. eine Sonnenbrille, galt vor Corona als mega-unhöflich. Man „versteckte“ sich nicht, sich offen zu zeigen war Voraussetzung für den Aufbau vertrauensvoller Beziehungen. Jetzt gilt auch hier genau das Umgekehrte: Man spricht nun lieber mit Menschen, die etwas vor dem Mund tragen. Hocherfreut bin ich dieser Tage sogar, wenn jemand, der Geld mit mir verdienen will und mich deshalb bitteschön eigentlich hofieren sollte, sich wie ein Gatekeeper zu einem militärischen Sperrgebiet verhält. Denn dann weiß ich, dass die anderen Kunden auch einen Passierschein in Form eines Impfnachweises vorlegen müssen und ich sicher bin!

Seit März 2020 haben sich also einige Basics unserer Umgangsformen ins genaue Gegenteil verkehrt. Wie lange wird das bleiben? Wann hört das wieder auf? Und kommen wir dann zu den alten Verhaltensregeln zurück? Werden wir irgendwann einmal pikiert sein, wenn jemand zur Begrüßung den Ellbogen auf uns richtet?

Viele Verhaltensregeln, sei es im Business oder privat, befanden sich auch schon vor der Pandemie in einem Erosionsprozess: Vorstände tragen keine Krawatten mehr, Kunden werden gerne mit einem kuscheligen „Du“ angesprochen, und es gibt eine allgemein breite Akzeptanz für lässig auf Sitzmöbel gelümmelte Körper. Die Frage „Woher kommen Sie?“ (gerichtet an einen Menschen mit dunkler Hautfarbe und nicht-deutschem Namen) ist inzwischen ein schlimmerer Fauxpas als Schmatzen beim Essen. Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr viele Umgangsnormen. Wohin die Reise geht, ist ungewiss …

Worauf es wirklich ankommt

Und wie gehen Sie jetzt mit dieser haltlosen und ungeregelten Situation um? Indem Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren! Und das ist, dass die Menschen, mit denen Sie gerade zusammen sind oder kommunizieren, sich sicher, wohl und wertgeschätzt fühlen. Tun Sie, was Ihnen dafür situativ notwendig erscheint. Es geht um Achtsamkeit und Empathie. „Lesen“ Sie das Verhalten Ihres Gegenübers: Achten Sie auf kleine Zeichen, die die individuelle Distanzgrenze markieren, beobachten Sie die Körpersprache und ziehen Sie daraus Konsequenzen für Ihr eigenes Verhalten. Über Umgangsformen lässt notfalls auch reden: Fragen Sie andere einfach, was ihnen angenehm wäre. Dieses situative Austarieren von Umgangsformen nenne ich „Knigge agil“. Es lässt sich trainieren. Sprechen Sie mich darauf an!

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