Es gibt wieder etwas zu sehen! Menschen in neuen Kleidern! Auf Straßen, in Cafes und bei Veranstaltungen! Und in den Geschäften neue Kollektionen! Voller Neugier, was sich nun nach all den Lockdowns an optischer Weiterentwicklung zeigt, bin ich unterwegs. Dabei stoße ich zu meinem Erstaunen überwiegend auf … neue Gediegenheit.

Manchmal zeigt Mode einen Zeitgeist, bevor ihn die Menschen selbst bewusst wahrnehmen. Was sagt also die neue Gediegenheit über unseren momentanen Seelenzustand? Für mich ist sie Ausdruck einer neuen Bescheidenheit und dem Bedürfnis nach Nachhaltigkeit einerseits (manche Stücke wirken so schlicht, dass man sie für zeitlos halten könnte) und dem Bedürfnis nach Sicherheit andererseits. Viele Looks sind nicht nur konservativ, sie wirken teilweise durch ihre Silhouette wie Rüstungen. Diese Kleidung soll heilen. In der Geschichte der Mode hat es das schon öfter gegeben: Nach einer Zeit von Unruhe oder Krise kippen Trends zurück in konservative Vorstufen. In der Epoche der Restauration Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel wurden mit der Rückkehr zur Monarchie die lockeren „Empire“-Kleider, die die französische Revilution hervorgebracht hatte, wieder gegen Korsetts und Reifröcke getauscht. Und nach dem 2. Weltkrieg wurde der lässige Garconne-Look der 20ger und 30ger Jahre vom traditionell weiblichen „New Look“ mit eingeschnürter Wespentaille vertrieben.

Zurück zur Gegenwart: Was sind nun die typischen Elemente der neuen Gediengenheit?

Grobstrickjacken

Weite Jacken in grobmaschigen Rippstrick, gerne mit großen Knöpfen füllen Schaufenster und Kataloge und sitzen gefühlt an jedem zweiten weiblichen Oberkörper. In sowas ging Oma früher Äpfel ernten. Diese Jacken riechen förmlich nach bio-Äpfeln, sie lassen uns den Geruch einer heilen, überschaubaren Welt schnuppern. Aber wem stehen sie? Natürlich-sportlichen Stiltypen, da sind sie gut in Kombi mit Jeans, derben Stiefeln und Caban-Jacken. Wer sollte Grobstrick auf jeden Fall vermeiden? Zart romantische und elegante Typen. Dass Grobstrick zu Ihnen nicht passt, erkennen Sie daran, dass Sie bei Ihrem eigenen Anblick im Spiegel plötzlich an Trümmerfrauen denken müssen. Wenn Sie hingegen darin klar, frisch und harmonisch wirken, dann ist es richtig!

Plisseeröcke

Ein wadenlanger Plisseerock ist eines der konservativsten Kleidungsstücke überhaupt. Er hat eine geradezu historische Anmutung. Wer nicht gerade ein historischer Stiltyp ist (ja, die gibt es tatsächlich!), tut gut daran, den Plisseerock mit modernen, sportlichen Teilen wie Sneakers oder Jeansjacke zu brechen. Ach ja – und Vorsicht: Plisseeröcke sind eher nicht figurfreundlich! Sollten Sie den Plisseerock mit einer Grobstrickjacke kombinieren wollen, sollte die Jacke deshalb unbedingt taillenkurz sein, damit auch der optische Body-Mass-Index im grünen Bereich bleibt.

Kastige Schnitte

Sie verleihen eine starke, wehrhafte Silhouette. Sie sehen gut aus an großen Frauen oder sportlichen Typen mit wenig Taille. Wenn eine kastige Jacke in der Taille oder kurz oberhalb davon endet, geht das auch für kleinere Frauen. 

Kleine goldene Kettchen

Gehen stiltypmäßig nie zusammen mit Grobstrick, sind aber endlich etwas für zarte Romantikerinnen!

Gedeckte Farben

Die Modemagazine sind voll mit Outfits in Knallfarben, die Geschäfte und die Straßen sind es nicht. Hier dominieren Erdtöne, Beige, fahles Pastell, Grau und Farben, die an Mageninhalt erinnern. Gediegene Farben können elegant und hochwertig wirken, für einen frischen Teint sorgen sie meist jedoch nicht. Zwar denkt immer mal wieder jemand daran, diesen trüben Urschlamm mit leuchtenden Akzenten aufzupeppen, aber das ist dann oft limettengrün oder Weiß – Farben, die auch nur wenigen Menschen stehen. Besser geeignet zum Aufpeppen sind leuchtendes Blau, Violett oder Pink. Oder Sie ergänzen die müden Farben gleich mit Ihren persönlichen Bestfarben. So entstehen spannende und vorteilhafte Farb-Kombinationen.

Für die neue Gediegenheit gilt das Gleiche wie für alle Trends: Wenn Sie dabei mitmachen wollen, kombinieren Sie die Trend-Teile am besten mit Stücken, die genau Ihrem eigenen Farb- und Stiltyp entsprechen. So befreien Sie die Looks von ihrer konservativen Unbeholfenheit und kreieren etwas Neues und Individuelles. Oder befreien Sie sich gleich ganz aus dem mentalen Klammergriff der Pandemie und tragen Sie wieder schicke Sachen, die einfach gut aussehen!

Wie sich problematische Teile, an denen frau – aus welchem Grund auch immer – dennoch hängt, aufpeppen lassen, besprechen wir in der nächsten Online Stil-Sprechstunde am 11. Oktober von 19:30 bis 21:00. Anmeldung unter mail@astridwindfuhr.de

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