Foto: shutterstock

Wenn ich Bilder von Annalena Baerbock sehe, dauert es immer einen kleinen Moment, bis der Groschen fällt. Bis ich wieder realisiere, dass ihr Kleidungsstil etwas Unerhörtes hat. Und zwar etwas unerhört Einfaches: Ihre Kleidung ist extrem klar und schlicht. Und damit ganz anders als alles, was Politikerinnen sonst so tragen. 

Der herkömmliche Politikerinnen-Stil beinhaltet immer mehrere Teile und Accessoires, also mindestens ein Jäckchen oder Blazer plus eine Hemd- oder Schluppenbluse plus eine brave Kette, optional noch ein Seidentuch. Während andere Günen-Politikerinnen entweder diesen klassischen Politik-Stil mehr schlecht als recht kopieren (Kathrin Göring-Eckardt) oder als Ökokönigin auftreten (Claudia Roth), macht Annalena etwas ganz Neues: Sie trägt nur die absolut notwendigen Teile, und die mit ganz einfachen klaren Schnitten, wie zum Beispiel eine langärmelige Bluse aus einem feinen Stoff mit einem schlichten runden Ausschnitt – ohne Kragen, ohne Knopfleiste, ohne Rüschen, Raffungen oder Muster. Dazu einen einfachen Rock oder eine einfache Hose, Pumps – fertig!

Radikale Schlichtheit

Auch in ihrem Repertoire: Schlichte unifarbene Kleider wie im Bild oben bei einem Auftritt vor dem Deutschen Bundestag (Foto: Shutterstock) oder Hosenanzüge, die sie mit einem kragenlosen Top in der gleichen Farbe kombiniert. Das wirkt sowohl reduziert als auch sinnlicher und femininer als eine Hemdbluse. Schöne Beispiele dafür: Der blaue Hosenanzug mit gleichfarbenen Top, den sie beim ersten Kanzlerkandidatinnen-Triell bei RTL getragen hat (göttlich dazu: die lila Pumps!), oder eine ähnliche Kombi in intensivem Rot (Foto links: Die Grünen). Und damit kommen wir zum zweiten entscheidenden Merkmal ihres Stils, den Uni-Knallfarben. Knallrot, Knallpink und Knallblau sind ihre besten, die sie häufig trägt. Und die stehen ihr als intensivem, eher kühlem Farbtyp wirklich gut, sie verleihen ihrer Ausstrahlung zusätzlich Präsenz und Klarheit. Wenn sie zwischendurch mal zu Grau oder Pastelltönen greift, wirkt sie jedesmal schwächer. Auch gut zu ihren dunklen Haaren und Augenbrauen sind kontrastreiche Schwarz-Weiß-Kombis oder eben einfach nur Schwarz … Schmuck trägt sie wenig, aber auch der ist nie niedlich-verspielt, sondern immer einfach und klar wie ihre Lieblingsohrringe, die kleinen silbernen Stäbchen.

Und was sagt uns nun diese Kleidung?

1. Nachhaltig: Die Marken ihrer Kleidung lassen sich nicht an irgendwelchen Logos erkennen, aber die schlichten Schnitte erinnern an den Look zeitgemäßer Biomode (die zum Glück inzwischen weit weg ist von der trutschig-melierten Häkeloptik früherer Dekaden). Und die Assoziation von nachhaltiger Kleidung mit einer grünen Politikerin ist natürlich vorteilhaft für die politische Glaubwürdigkeit.

2. Offen: Der schnörkellose geradlinige Style vermittelt auch Offenheit und Ehrlichkeit nach dem Motto „what you get is what you see!“. Interessantes Detail: Wenn Annalena eine Jacke trägt, steht sie – im Gegensatz zu z. B. Angela Merkel – meistens locker offen. Ein wenig übers Ziel hinausgeschossen hat sie jedoch mit einer Bluse mit transparenten Ärmeln, in der sie gelegentlich aufgetreten ist. Auch wenn Transparenz ein hohes Gut in der Politik ist, funktionieren transparente Stoffe am Körper von Politikerinnen hingegen nicht als klare Botschaft. Diese Materialien wirken wie ein Schleier, verführerisch und zu weich.

3. Es geht auch ganz anders! Obwohl sie grundsätzlich die Kleider-Regeln für die politische Bühne – wenig Haut, kein Glamour und keine modischen Extravaganzen – einhält, ist Annalena Baerbocks Stil dennoch beim genaueren Hinsehen ein Bruch mit allen Polit-Konventionen, ein Erdrutsch, etwas genauso ungewöhnlich Neues wie die Vorstellung, von einer jungen, grünen Bundeskanzlerin regiert zu werden.

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